Alpha-Mannosidose

Bei Patienten mit Alpha-Mannosidose kann durch eine Genmutation das Enzym Alpha-Mannosidase nicht ausreichend oder gar nicht produziert werden. Die Alpha-Mannosidase ist für den Abbau von Mannose-reichen Oligosacchariden zuständig. Oligosaccharide sind Zuckerketten, die aus mehreren gleichen oder verschiedenen Einfachzuckern bestehen. Durch den Enzymmangel können bestimmte Oligosaccharide, nämlich diejenigen, die den Einfachzucker Mannose (kommt von „Manna“, dem biblischen Himmelsbrot) enthalten, nicht vollständig abgebaut und weiterverwendet werden. Sie lagern sich stattdessen in den Organen und Geweben des Körpers ab und führen dort zu einer mehr oder weniger ausgeprägten Schädigung. Viele Organe können davon betroffen sein, vor allem das Gehirn, das Gehör, das Skelettsystem und die Augen. Man spricht deshalb auch von einer „Multisystemerkrankung“. Trotzdem kann die Erkrankung sehr unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Die im Weiteren genannten Krankheitssymptome und Komplikationen treffen also nicht auf alle Patienten gleichermaßen zu und können durch den Einsatz von Therapien gemildert werden.

Merkmale

Viele Alpha-Mannosidose-Patienten haben ein typisches Aussehen. Der Kopf ist häufig groß, der Hals eher kurz und die Gesichtszüge vergröbert. Auffällig sind die vorstehende Stirn, eine tiefliegende Nasenwurzel, weit auseinander stehende Zähne und eine leicht vergrößerte Zunge. Das typische Aussehen kann sich erst im Verlauf der Erkrankung entwickeln und sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. Patienten mit einer Alpha-Mannosidose haben in der Regel ein normales Wachstum und eine normale Körpergröße.

Die Beteiligung des Gehirns ist bei Patienten mit einer Alpha-Mannosidose sehr variabel. Meist besteht bereits im Kleinkindalter eine Verlangsamung der motorischen und geistigen Entwicklung. Auffällig ist eine Koordinationsstörung mit einem unsicheren Gangbild und eine Beeinträchtigung der Feinmotorik. Die Sprachentwicklung ist meist verzögert und der Wortschatz überwiegend begrenzt. Die Aussprache ist in unterschiedlichem Maße undeutlich. Dies ist auch durch eine früh beginnende Hörstörung bedingt. Fast alle Menschen mit Alpha-Mannosidose weisen eine Intelligenzminderung auf.

Ein Teil der Patienten kann im Jugend- oder Erwachsenenalter psychiatrische Symptome entwickeln. Dazu gehören v. a. Angststörungen oder Depressionen. Aber auch Verwirrtheitszustände, Halluzinationen oder aggressive Verhaltensstörungen können auftreten. Diese Symptome können aufgrund der geistigen Einschränkungen der Patienten von den Angehörigen und Mitmenschen verkannt werden, weshalb besonders auf solche Zeichen geachtet werden soll. Je nach Schwere der Symptome kann eine Behandlung mit Psychopharmaka indiziert sein.

Die Augen können bei Alpha-Mannosidose-Patienten verschiedene Veränderungen aufweisen. Dazu gehören eine Weit- oder Kurzsichtigkeit, Schielen, Hornhaut- oder Linsentrübung. Es kann sich eine Optikusatrophie entwickeln, d.h. ein Schwund des Sehnervs. Eine Netzhautschädigung wurde ebenfalls bei Alpha-Mannosidose-Patienten beobachtet. Die Optikusatrophie und Netzhautschäden können so schwerwiegend sein, dass sie in Einzelfällen zur Erblindung führen. Es ist daher sehr wichtig, dass Alpha-Mannosidose-Patienten frühzeitig und regelmäßig augenärztlich untersucht werden, um gegebenenfalls therapeutische Maßnahmen einzuleiten.

Das häufigste Erstsymptom bei Kindern mit Alpha-Mannosidose ist die Hörstörung. Dabei handelt es sich meist um eine kombinierte Hörstörung aus einer Schallleitungs- und Schallempfindungsstörung. Die Hörstörung ist bedingt durch immer wiederkehrende oder chronische Mittelohrentzündungen und durch Knochen- und Weichteilveränderungen, die zu einem Verschluss der Ohrtrompete, dem Verbindungsgang zwischen Mittelohr und Nasen-Rachen-Raum, führen. Mittelohrentzündungen sind bei Kindern mit Alpha-Mannosidose sehr häufig und können äußerst schmerzhaft sein. Langfristig können sie zu einem Paukenerguss (Flüssigkeitsansammlung hinter dem Trommelfell) führen. Um immer wiederkehrende Mittelohrentzündungen zu verhindern, ist eine Parazentese möglich: Der Arzt macht einen kleinen Schnitt ins Trommelfell, sodass die Flüssigkeit abfließen und der erhöhte Druck vermindert werden kann. In das Trommelfell wird dann ein Paukenröhrchen eingesetzt, damit die Flüssigkeit konstant aus dem Mittelohr nach außen abfließen kann.

Menschen mit Alpha-Mannosidose haben häufig Infekte der Atemwege, vor allem im Kindesalter. So können sie – vor allem in den Wintermonaten – unter chronischem Schnupfen und Bronchitiden leiden. Auch insgesamt neigen an Alpha-Mannosidose Erkrankte zu häufigen Infekten, haben also ein schwaches Immunsystem. Dies sollte auch im Zusammenhang mit Operationen und einer Neigung zu Wundinfektionen beachtet werden.

Das Herz ist erfreulicherweise bei Alpha-Mannosidose-Patienten kaum betroffen. Bei wenigen Patienten wurden Herzklappenveränderungen festgestellt, ohne wesentliche Beeinträchtigung der Herzfunktion.

Regelmäßige Zahnpflege und Kontrollbesuche beim Zahnarzt sind wichtig, um Karies zu verhindern. Das gilt generell, besonders aber bei Menschen mit Alpha-Mannosidose. Karies stellt ein häufiges Problem dar. Es ist daher sehr wichtig diesem durch eine gute Zahnhygiene vorzubeugen.

Auch im Skelettsystem lagern sich nicht abgebaute Oligosaccharide ab, mit weitreichenden Folgen. Hinter dem Fachjargon „Dysostosis multiplex“ verbirgt sich eine Knochenbildungsstörung, die das komplette Skelett betrifft und auch das Aussehen beeinflusst. Wirbelsäulenverkrümmung (Skoliose) und Brustbeinverformungen gehören zu den häufigsten skelettalen Veränderungen bei Alpha-Mannosidose-Patienten. Die Wirbelkörper können verformt sein, es kann zu Wirbelgleiten kommen, das heißt, dass die Wirbelkörper gegeneinander verschoben werden. Dies verursacht häufig Rückenschmerzen. Wenn Gleitwirbel auf Nerven drücken, kann es zu Gefühlsstörungen oder Lähmungen kommen. Ein großer Kopf, eine eingeschränkte Gelenkbeweglichkeit und X-Beine sind weitere Skelettveränderungen, die bei Alpha-Mannosidose vorkommen können. Eine leichte Muskelschwäche kann sich bereits im Kindesalter zeigen oder sich erst im späteren Krankheitsverlauf entwickeln. Eine Hüftdysplasie, das heißt eine Fehlstellung und Störung der Verknöcherung des Hüftgelenkes, kommt ebenfalls bei Menschen mit Alpha-Mannosidose vor. Eine Coxarthrose, ein Hüftgelenkverschleiß, ist eine Spätfolge der Hüftdysplasie. Die Coxarthrose kann sehr schmerzhaft sein und zur Immobilität führen.

Therapien

Die Alpha-Mannosidose ist nach heutigem Stand der Forschung nicht heilbar, kann durch verschiedene Therapien aber wesentlich gemildert werden.

Für Alpha-Mannosidose steht als kausale Behandlungsmethode die Enzymersatztherapie zur Verfügung. Detaillierte Informationen finden Sie unter kausale Therapien und symptomatische Therapien.